Seit Anfang des 19. Jahrhunderts begegnen uns im hallischen Musikleben regelmäßig Aufführungen
Händelscher Werke, vornehmlich Oratorien oder Ausschnitte daraus. Den Anfang macht Daniel Gottlob
Türk 1803, 1804 und 1805 mit Messiah-Aufführungen in der Mozartschen Fassung, und seit 1814 widmete
sich die “unter der Leitung des Herrn Prof. Maaß und des Herrn Naue seit einiger Zeit gebildete,
höchst achtenswerthe Singakademie” den “Compositionen des großen Händel, der einst Britanniens
Stolz war, und, als ein gebohrner Hallenser, unser Stolz ist”. [Wochenblatt 15(1814), S. 572]
Schon in einigen dieser frühen Jahre kommen sogar mehrere Werke zur Aufführung wie 1820 Saul
und Solomon, 1836 Messiah,Judas Maccabaeus und Saul oder 1838 Dettingen Te Deum,Alexander’s Feast
und Israel in Egypt. -
Zur angemessenen Beurteilung dieser Leistungen müssen wir uns vergegenwärtigen, dass Halle zu
dieser Zeit noch eine relativ kleine Stadt mit noch nicht einmal 25.000 Einwohnern war. -
Aufwendige Feierlichkeiten gab es anläßlich des 100. Todestages Händels im Jahre 1859, deren
Höhepunkt die Enthüllung des Händel-Denkmals auf dem hallischen Marktplatz war und in deren
Mittelpunkt die Aufführung der Oratorien Jephtha,Samsonund Messiahdurch die Singakademie standen,
oder des 200. Geburtstages 1885, zu dem u. a. wieder der Messiah sowie in zwei Aufführungen der
Neuen SingakademieHerakles erklangen.
HALLISCHE HÄNDEL-FESTSPIELE SEIT 1922
Die Serie der modernen hallischen Händel-Feste begann dann bekannterweise im Jahre 1922. Neben
einer Opernaufführung im Stadttheater (Orlando furioso) konnten die Besucher dieser Festspiele zwei
Oratorien (Semele im Stadttheater und Susanna im Dom), ein Orchesterkonzert, ein Kammerkonzert
sowie ein Kirchenkonzert erleben.
Aber auch eine Begrüßung der Gäste, die Eröffnung einer Händel-Ausstellung, ein Festlicher
Gottesdienst in der Marktkirche, ein Festvortrag, ein “ Gemeinsames Mahl im Stadt-Schützenhaus” und
ein “Geselliges Zusammensein der Festteilnehmer im ‘ Zoologischen Garten’ ” fehlten nicht. Das
Besondere dieses Händel-Festes bestand in erster Linie in der Aufführung einer Oper. Seit 1787
waren bis dahin lediglich drei Opern Händels auf eine Theaterbühne gelangt, allgemein hatte man die
barocke Oper schlichtweg für unaufführbar gehalten. Aber in Halle lehrte seit 1902 der junge
Musikwissenschaftler Hermann Abert. Er hatte sich schon bald für die Musik Händels zu begeistern
begonnen und stieß auf den großen noch zu hebenden Schatz von vierzig bekannten Händel-Opern. Er
vermochte es, seine Begeisterung auf seine Studenten zu übertragen und konnte bald Früchte ernten:
Der ehemalige hallische Student der Kunstwissenschaften Oskar Hagen hatte im Jahre 1913 solche
Vorlesungen Aberts gehört und erwärmte seinen ehemaligen hallischen Lehrer Paul Thiersch und einige
Kollegen seiner neuen Wirkungsstätte, der Göttinger Universität, sich an dem Experiment einer
Händel-Opern-Aufführung zu beteiligen. -
Der Versuch gelang 1920 und fand bereits zwei Jahre später Nachahmung in Halle.
Händel-Opern-Aufführungen wurden nun zu unverzichtbaren Bestandteilen von Händel-Festspielen.
Trotz des großen Erfolges des Händel-Festes 1922 trat - ungeachtet regelmäßiger einzelner
Händel-Aufführungen - in Halle danach wieder eine längere Pause in Sachen Festspiele ein. Hermann
Abert, der inzwischen an der Leipziger Universität lehrte, war 1925 Gründer einer
Händel-Gesellschaft. Mit ihr sollte 1929 ein weiteres Händel-Fest in Halle veranstaltet werden, was
auch mehr oder weniger befriedigend gelang.
Danach war erst das Jubiläumsjahr 1935, der 250. Geburtstag Händels, wieder Anlass, in Halle
ein Händel-Fest zu planen. Natürlich wurde diese Gelegenheit von den Nazis genutzt, das Fest wie
die Musik Händels für ihre ideologischen Ziele zu vereinnahmen und zu missbrauchen. Dennoch gab es
auch bei diesem Händel-Fest Elemente hallischer Tradition, an die in den Folgejahren, als die
politische Aufmerksamkeit nachgelassen hatte, die jährlichen “Händel-Tage” der Stadt Halle
anknüpfen konnten.
Bald nach Kriegsende fanden sich die hallischen Händel-Enthusiasten wieder zusammen und
versuchten einen Neubeginn. Der frühere hallische Kulturdezernent Herbert Koch (promovierter
Musikwissenschaftler) der Leiter des Stadtarchivs und als Direktor der Moritzburg und des
Händel-Hauses eingesetzte Stadtarchivar Erich Neuß sowie Prof. Max Schneider u. a. gründeten eine
neue “Hallische Händel-Gesellschaft”, die es sich zur Aufgabe machte, neben spezifischen
Konzertveranstaltungen auch die Tradition der hallischen Händel-Feste wieder aufzunehmen.
Bereits im Jahre 1948 war es soweit. Unter der Leitung der Hallischen Händel-Gesellschaft,
deren Sekretariat in dem noch nicht eröffneten Händel-Haus zu arbeiten begann, wurden die
Händeltage 1948 von dem damaligen Landestheater, der Musikhochschule und der Evangelischen
Kirchenmusikschule veranstaltet. Sie setzten entscheidende Zeichen für die Zukunft, zumal die
feierliche Eröffnung in dem kurz vor seiner Fertigstellung stehenden Händel-Haus stattfand.